Zur Rechtfertigung des Optimismus
„It´s The End Of The World As We Know It
(And I Feel Fine)“1
„Ja, ich meine das ganz im Ernst: Gesellschaftliche Verhältnisse jenseits des Kapitalismus sind nicht nur notwendig, sondern auch möglich!“ Ein solches Outing sorgt heutzutage dafür, dass mensch sich selbst aus dem Spiel der seriösen politischen Auseinandersetzung hinausbefördert. Die ausgesprochene Überzeugung, dass es das nicht gewesen sein kann ist quasi der Zidane´sche Kopfstoss des politischen Geschäfts. Eine Zeitlang geht man damit vielleicht noch als sympathischer Romantiker durch, ganz im Sinne des Bonmots, wer mit zwanzig kein Revolutionär ist, hat kein Herz, und wer es mit dreißig noch immer ist keinen Verstand. Nachdem ich mittlerweile zu letzteren gehören würde, wird es zunehmend schwieriger sich seinen Platz am Feld von Vernunft und Ernsthaftigkeit zu behalten, im besonderen dann, wenn so viele um einen herum mit einem unheimlichen Eifer damit beschäftigt sind, sich nun doch in den bestehenden Verhältnissen ein- und zuzurichten.
Mir hingegen erschien es in den letzten Jahren nur allzu vernünftig mich nicht auf dieses Gerede der Politik einzulassen. Irgendetwas in mir sträubte sich und wollte das dumpfe Herbeireden und Schwadronieren von individuellen und kollektiven Sachzwängen nicht vollends in mein Leben zu lassen, und etwas in mir weigerte sich die politische Auseinandersetzung auf Reform und Reförmchen bzw. den Kampf gegen diese zu reduzieren. Denn die Grundlage dieser vernünftigen politischen Haltung ist purer Zynismus! Nicht mehr für andere Verhältnisse einzutreten, bedeutet sich mit den bestehenden Verhältnissen abzufinden, und in seiner politischen Praxis das Elend, den Hunger, die ungezählten Kriege, Mord und Folter, Diskriminierung und Gewalt hinzunehmen, und vorzugeben, dass daran nichts zu ändern wäre. Das ist dann eben einfach so! Zu allem Überfluss wird noch vollmundig darauf verwiesen, dass alle versuchten Alternativen im 20. Jahrhundert gescheitert sind. Diese Haltung ist nicht nur eine unmögliche, sondern kommt darüber hinaus unheimlich blauäugig daher, denn der Kapitalismus ist historisch: Er ist eine historisch durchgesetzte und damit vergängliche Gesellschaftsformation. Zudem ist seine Geschichte so lange nicht, als dies ausreichen sollte den Vernünftigen zu beeindrucken, und diese kurze Geschichte rechtfertigt noch viel weniger den allgegenwärtigen Zynismus und Fatalismus.
An deren Statt gilt es eine Haltung zu setzen, die sich mit dem mittlerweile recht altmodisch gewordenen Begriff der Utopie umreißen lässt. Wobei hier nicht in dem Sinne von der Utopie die Rede sein soll, dass es gälte den großen Masterplan, wie alles anders und besser geht, zu entwickeln. Vorrangig geht es dabei um eine entschiedene Haltung, die andere Verhältnisse für zumindest eben so realistisch hält, wie die tagtägliche Reproduktion der gegenwärtigen Barbarei. Dies schafft einen ersten Ausweg aus der Hinnahme des Jetzt und dieser eingangs skizzierten Haltung. Viel mehr als die Wahl zwischen diesen beiden steht zudem nicht zur Verfügung, denn entweder gibt es eine wirklich Alternative zum Bestehenden oder das Ding fährt vollends an die Wand.
Aber – mag die ernsthafte LeserIn einwenden – eine utopistische Haltung ist ja löblich und geradezu niedlich, doch war eingangs vom Optimismus die Rede und davon selbigen recht zu fertigen, und dafür gibt es zu Beginn des 21. Jahrhunderts wohl denkbar wenig Anlass. Es ist ziemlich egal, welchen der Indikatoren zum Zustand der Welt mensch bemüht, die Message bleibt die selbe. Es geht nach unten, und das in einem atemberaubenden Tempo! Mehr als eine Milliarde Menschen leben von weniger als einem Dollar pro Tag. Bestünde die Weltbevölkerung nur aus zehn Menschen, besäße eine Person 99 Dollar, und die anderen neun würden sich den verbliebenen Dollar teilen. Es ist im Grunde nur mehr grotesk, wie weit sich die Schere zwischen Arm und Reich in den letzten Jahrzehnten geöffnet hat. Der gesellschaftliche Reichtum explodiert, und im selben Atemzug sinkt das Einkommen der lohnabhängigen Bevölkerungsteile dramatisch.2 Millionen wurden aus dem Normalarbeitsverhältnis, und dadurch vor allem aus den damit verbundenen sozialen Sicherheiten entweder ganz verabschiedet, oder sie dürfen sich nun um die Peanuts raufen, die der Wohlfahrtsstaat, der für einige Zeit zumindest eine mäßige Umverteilung mitbewerkstelligte, übrig gelassen hat. Der Rest steht mit prekären Arbeitsverhältnissen irgendwo dazwischen und vergrößert die Zahl der „working poor“. Menschenrechte, wie beispielsweise das Recht auf Asyl und den Schutz vor Verfolgung, sind das Papier nicht wert, auf dem sie geschrieben stehen. Das Ausmaß des allgemeinen Kontroll- und Überwachungswahns lässt George Orwells „1984“ wie ein Kinderbuch erscheinen. Das Leben im Jetzt ist unerträglich! Es macht uns krank. Jeder kennt Geschichten aus seinem Umfeld, die von prügelnden Ehemännern, an Depressionen leidenden FreundInnen, in den Tod getriebenen Teenagern, und Menschen, die vom Alltag so fertiggefahren sind, dass sie sich einfach nur mehr mit Drogen zudröhnen, erzählen. Mensch könnte an dieser Stelle noch lange fortfahren, und jedwedem Optimismus wäre vollends der Boden entzogen. Desgleichen waren die Kämpfe und Bewegungen der letzten Jahre selten imstande uns in Euphorie zu versetzen. Zumeist handelte es sich um Verteidigungskämpfe, die sich darum mühten die Reste dessen, was schon mal war zu retten. So gesehen waren es Jahre der Niederlagen. Die gern zitierten Gegenbeispiele, wie der Aufstand in Chiapas, die Revolte in Argentinien im Jahr 2001, die Bolivarianische Revolution in Venezuela, oder die „Antiglobalisierungsbewegung“ können nur bedingt Schritt halten mit dem, was schon einmal erkämpft wurde. Haben wir also doch das „Ende der Geschichte“3 erreicht? Der Kapitalismus hat gesiegt, und die Zeit der großen Konflikte ist zu Ende? Game Over?
„Die Geschichte hat kein Ziel; und mehr, als dass es Kämpfe um sie geben wird, lässt sich heute und morgen von der Zukunft nicht wissen.“4
Keineswegs! Der Schlusspfiff ist nur dann zu vernehmen, wenn wir weiterhin einen solch beschränkten Begriff von Gesellschaft behalten. Es stimmt schon, dass es nicht Aufstände und Revolutionen sind, die die Schlagzeilen bestimmen und uns in Atem halten, und unsere Generation nur selten die Barrikaden erklimmt. Von Entpolitisierung und ähnlichem ist zu hören, doch ist das meist nur Gerede. Zum einen muss anscheinend immer wieder mal gesagt werden, dass Politik eben nicht nur den schnöden Abklatsch im Parlament meint, und dass sich das Interesse an diesem Spektakel teilzunehmen in Grenzen hält ist ja nicht weiter verwunderlich. Politik beginnt um vieles früher. Der Mensch ist ein gesellschaftliches Wesen, und die Fragen danach, wie diese gesellschaftlichen Verhältnisse aussehen sind politische Fragen. Somit beginnt Politik dort, wo Menschen miteinander in Beziehung treten, und beginnen Gesellschaft zu gestalten. Politik ist also immer. Zum anderen ist die Mär von der Entpolitisierung, so alt wie die Politik selbst. Amüsant ist diesbezüglich ein Interview, dass Jean Paul Sartre im Jahr 1964 gegeben hat.5 Darin geht es genau darum, wird die Entpolitisierung – vor allem der Jugend natürlich – ausgiebig beklagt. Wenige Jahre später versperrten Barrikaden die Strassen von Paris und das Land befand sich im Generalstreik. Angesichts dessen lässt es sich heute mit einer entpolitisierten Generation ganz gut leben.
Der Ausbruch von Revolten und Revolutionen trägt stets einen Moment des Nicht-Erklärbaren in sich. Wer „der Hoffnung einmal ins Auge geblickt hat“6 kennt diesen Moment in dem mensch sich in Bewegung setzt und beginnt etwas zu tun, nicht auf eine irrationale Art und Weise, sondern auf eine, die wenig zuvor noch unvorstellbar gewesen wäre. Octavio Paz schrieb diesen Satz im Hinblick auf die Spanische Revolution in den dreißiger Jahren, und all die kurzen Momente in denen andere Verhältnisse sichtbar und gelebte Praxis wurden, liefern dafür Beispiele. Die Revolte in Argentinien im Jahr 2001 hinterlässt die schöne Geschichte von dem Mann, der des nächtens den Lärm von der Strasse hört, die Menschen hört, die sich in Richtung der Plaza de Mayo, dem Zentrum der Stadt bewegen, und dabei lauthals schreien, nein eigentlich singen: „Que se vayan todos! – Alle sollen sie abhauen!“ Die gesamte politische Klasse soll verschwinden! Dieser Mann, der es sich vor dem Fernseher gemütlich gemacht hat, aber dann doch den Schritt auf die Strasse wagt, um zu sehen, was da los ist, tritt vor die Tür, geht an die nächste Straßenecke, und er wird Teil dieser Nacht, einer Nacht der Wiederaneignung der Stadt und des Lebens. Erst am darauf folgenden Morgen kehrt er zurück und das Fernsehgerät läuft noch immer.7 Diese Entscheidung lässt sich nicht erklären, aber mensch trifft sie.
Doch lassen wir mal Tage, die die Welt erschütterten, außen vor. Bloß dahin zu sehen, wo die Kämpfe ausbrechen und die vielköpfige Hydra8 ihr Haupt erhebt, macht uns blind für die alltägliche (Re-)Produktion gesellschaftlicher Verhältnisse. Besonders in vermeintlich beruhigten Zeiten müssen wir uns auf die Formen des tagtäglichen Widerstands legen. Der Widerstand ist keine anthropologische Bedingung des Menschen, und noch weniger wäre er stets unschuldig, oder gar per se gut, richtig und emanzipatorisch, aber der Widerstand ist eine Grundkonstante unserer Gesellschaften. „Wo es Macht gibt, gibt es Widerstand“9, sagt Michel Foucault. In seinem Sinne sollten wir das Subjekt als eine leere Form verstehen: „Das Subjekt konstituiert sich erst in der Begegnung mit der Macht und ist insofern ihr Effekt. Zugleich ist es der Widerstands- und Reibungspunkt, der selbst erst die Form der Machtausübung zur Erscheinung bringt und der die Macht umlenken und umformen kann.“10 Die Beschäftigung mit der Macht und in der Folge mit den sich verändernden Formen der Herrschaft hat eine lange Tradition, doch dieser verhaftet zu bleiben, kann uns nur traurig und pessimistisch zurücklassen. Aber „das letzte Wort der Macht lautet, dass der Widerstand primär ist.“11
Es gilt die Geschichte von einem anderen „point de vue“ zu betrachten, und damit lässt sich eine neue Perspektive eröffnen. Nichts anderes vollzog Karl Marx mit dem Satz, dass „die Geschichte aller bisherigen Gesellschaften (…) die Geschichte von Klassenkämpfen“12 ist. Er hat damit sämtliche metaphysische Welterklärungen auf den Misthaufen der Geschichte befördert, und den umkämpften und instabilen Charakter der bürgerlichen Gesellschaft und ihre Veränderbarkeit vorgeführt. Die Veränderung rührt nicht daher, dass sich das Kapital aus Jux und Tollerei neue Strategien zurechtzimmern würde, sondern aus ihrer Abhängigkeit und ihrem nicht auflösbaren Verhältnis zur lebendigen Arbeit. „Die Geschichte kapitalistischer Formen ist immer notwendigerweise reaktiv: Auf sich selbst gestellt würde das Kapital niemals ein Profitregime abschaffen. Der Kapitalismus macht also systemische Veränderungen nur durch, wenn er dazu gezwungen und das gegenwärtige Regime nicht mehr länger zu halten ist.“13 Der Motor der Geschichte sind also die Kämpfe, und diese müssen in einem weiten Sinne verstanden werden.
Nehmen wir als Beispiel die zentrale Institution der Disziplinargesellschaft: Die Fabrik. Die Fabrik war der Ort der Produktion, der Ort, wo gesellschaftlicher Reichtum geschaffen wurde, und zugleich der starke Arm deR ArbeiterIn alles still stehen lassen konnte, so er/sie das wollte. Die Fabrik des Fordismus gehört der Vergangenheit an. Das soll keinesfalls bedeuten, dass es keine Fabriken mehr gäbe, aber den Ort, der Henry Ford vorschwebte, in dem von der Gewinnung der Rohstoffe bis zum fertigen „Modell T“ alles möglichst an einem Ort lokalisiert ist, gibt es in dieser Form nicht mehr. Die Ursachen für die Auflösung dieser Fabrik und die damit verbundenen gesamtgesellschaftlichen Transformationen sind nicht, dass das Kapital ohne Anlass etwas Neues entwickelt hat. Die Auflösung war eine Antwort auf die Formen des Widerstands, die gegen diese Fabrik gerichtet waren. Dieser Widerstand, der sich manchmal in großen Streikbewegungen und machtvollen Gewerkschaften organisierte, aber oft nur auf der Ebene der alltäglichen Praxen verblieb, hat die Welt verändert.
Für die alltäglichen Formen des Widerstands gegen die Fabrik gibt es nur wenige Quellen. Der Ansatz die Geschichte aus Sicht des Widerstands aufzurollen war immer so randständig, dass es einfach niemanden gab, der die Ressourcen zur Verfügung gehabt hätte, einschlägige Untersuchungen im größeren Maßstab anzustellen.14 Bekannt ist diesbezüglich meist nur anekdotenhaftes, aber diese Anekdoten gibt es aus jeder Fabrik. In Lordstown (Ohio) beispielsweise hatte General Motors Anfang der 70er Jahre sein modernstes und am höchsten technisiertes Werk hingestellt, aber es wollte einfach nicht funktionieren, denn die ArbeiterInnen hatten unzählige Wege gefunden, ihre Arbeit zu verweigern. Sabotage und Absentismus standen an der Tagesordnung. Ein Arbeiter gab damals der „Newsweek“ auf die Frage, warum er denn nur vier Tage arbeite, zu Protokoll: „Weil ich in drei Tagen nicht genug verdiene.“15 Noch mal: Damit soll nicht behauptet werden, dass sich der „Lordstown-Blues“ verallgemeinern ließe und allerorten ähnlich und ähnlich vehement verlaufen wäre, doch hatten und haben diese Formen des Widerstands eine ungeheure Bedeutung für die Demontage der Fabrik. Die fordistische Fabrik war ein unkontrollierbares Monster geworden, und darauf musste reagiert werden. In kapitalistischen Verhältnissen steht das Kapital unweigerlich in einem Abhängigkeitsverhältnis zur lebendigen Arbeit, und da schafft es ein massives Problem, wenn beispielsweise in den Volvo-Werken im Jahr 1969 die Fluktuation der ArbeiterInnen auf 52% geklettert ist, und ein Siebtel der Belegschaft nur dazu angestellt war, um den tagtäglichen Absentismus zu kompensieren.16
Es ist eine Perspektive nötig, die alle vielfältigen Formen des Widerstands gegen die herrschenden Verhältnisse zum Ausgangspunkt nimmt, und nicht in einer eigenartigen Umkehrung den Bewegungen des Kapitals die treibende Kraft zuschreibt. Doch will ich nun auch nicht den Eindruck erzeugen, dass es einen Art Automatismus gäbe, der darin bestünde, dass die wilde ArbeiterInnensubjektivität sich dem Kapital entgegen stellen würde, und wir bloß abwarten müssten, und am Ende schon alles gut werden würde. Ganz im Gegenteil. Die letzten Jahrzehnte sind eben auch ein Beispiel dafür, dass unter den geänderten Kräfteverhältnissen in den achtziger und neunziger Jahren eine radikale Bewegung der Konterrevolution im Gange war, und diese „besetzt und kolonisiert das Terrain ihrer Gegnerin, indem sie entgegengesetzte Antworten auf die selben Fragen gibt.“17 Die Welt von heute ist das Produkt der Kämpfe von gestern. Zumeist wurden allerdings die entgegengesetzten Antworten durchgesetzt.
Die sozialen Kämpfen finden mitnichten nur am Ort der Produktion statt, sondern sie durchziehen die gesamte Gesellschaft, und daher sollen in der Folge noch zwei kurze Ausflüge in die Gegenwart unternommen werden.
„Es bedürfte eines genaueren Verständnisses dafür, in welchen vielfältigen Formen sich die Kämpfe abspielen – nicht allein politische, sondern vor allem soziale Kämpfe, die so häufig als alltägliche Verzweiflung, Enttäuschung, Entmutigung, Ärger, Wut, als Mobbing, Schikane, Druck, als Verweigerung, Absentismus, Selbstermutigung, freundschaftliche Gespräche, Rumhängen zur Geltung kommen.“18
Diese von Alex Demirovic angedeutete Charakterisierung von sozialen Kämpfen mag vielen unheimlich belanglos und irrelevant erscheinen. Wie kann mensch denn da von Kämpfen und Widerstand sprechen!? Doch eigentlich sollten wir sagen: Wie können wir den Menschen, die diese Kämpfe führen absprechen, dass sie kämpfen.
Seit zumindest fünfzehn Jahren erleben wir vollkommen absurde und menschenverachtende Verschlechterungen des sogenannten Fremdenrechts. Das Asylrecht wurde de facto abgeschafft, und Menschen, die kein anderes „Vergehen“ begangen haben, als aus dem Elend, das sie umgibt abzuhauen oder einfach den Wunsch hatten wo anders leben zu wollen, werden in den Knast gesteckt. Niemand vermag zu sagen, wieviele MigrantInnen auf ihren Weg nach Europa in den letzten Jahren ums Leben gekommen sind, und die, die es geschafft haben, erfahren den Rassismus auf der Strasse und den Rassismus des Staates. Die einzig mögliche Forderung am Beginn dieses Wahnsinns und heute ist jene nach der Abschaffung dieses immer repressiver werdenden Grenzregimes und die Abschaffung der Zäune und Mauern, die zwischen Menschen errichtet wurden. „Grenzen weg“ war damals die Forderung und ist es heute. So gesehen waren die letzten eineinhalb Dekaden eine Zeit der steten Rückschläge und Niederlagen. Doch wechseln wir die Perspektive. Anfang der neunziger Jahre bestand die African Community in Graz aus einer Handvoll Menschen. Diese Community hat sich in den letzten Jahren in einem schier unglaublichen Ausmaß entwickelt. Zum einen ist sie zahlenmäßig gewachsen, und zum anderen wurde eine mittlerweile schwer zu überblickende Infrastruktur geschaffen: Lokale, Vereine, Geschäfte, Kirchen, usw. Es geht nicht darum die bestehenden Probleme dieser Menschen zu verniedlichen oder gar wegzudiskutieren, sondern diese unbändige Widerstandskraft, die da dahinter steckt, ans Licht zu bringen. Trotz aller Verschlechterungen haben es diese Menschen geschafft hierher zu kommen, und trotz aller Diskriminierungen konnten sich viele von ihnen hier etablieren, weil sie individuell und kollektiv Wege gefunden haben diese Unrechtsgesetze zu umgehen. Hätten wir nur diese in Gesetze gegossene politische Ebene im Auge, dann gäbe es wirklich wenig Anlass für Optimismus, aber der Blick auf die realen Entwicklungen stimmt optimistisch, denn hier wurde diese Stadt ganz konkret verändert.
Abschließend tauchen wir noch kurz in die Welt zwischenmenschlicher Beziehungen ein. Die Scheidungsrate in Österreich erreichte im Jahr 2005 mit 46,1% ein Rekordhoch.19 Nun könnte mensch selbstverständlich anbringen, dass dies mit der Entmenschlichung des Menschen im Kapitalismus zu tun hat, und wir oft nicht mehr in der Lage sind gleichberechtigte und lebenswerte Beziehungen zu anderen Menschen einzugehen. Aber rufen wir uns die Kritik der Frauenbewegung in Erinnerung, und was sie in Bewegung gesetzt hat, und welch herbe Rückschläge und Niederlagen in diesem Bereich in den letzten Jahren erfolgten. Hier findet sich wieder mal kein Grund für Aufbruchsstimmung. Aber die Scheidungsrate kann als Indikator dafür dienen, wieviele Frauen es geschafft haben aus für sie unerträglich gewordenen Beziehungen auszubrechen. Viele dieser Trennungen waren wirkliche Kämpfe, die sich über Jahre gezogen haben, den Beteiligten manchmal den letzten Nerv raubten, und bis zur vollkommen Erschöpfung geführt wurden, und irgendwann in einem Erfolg gipfelten, nämlich in der Rückeroberung eines Lebens, dass sich hoffentlich freier und selbstbestimmter gestaltet.
Es geht hier also nicht um einen hohlen Zweckoptimismus, sondern um einen Blick auf die Gesellschaft, der die Menschen wieder zu handlungsfähigen Subjekten macht, sich auf die schon vorhandenen Formen des Widerstands konzentriert, und das Vermögen der Menschen – angesichts der sich verschlechternden Verhältnisse – zu überleben nicht außer Acht lässt. Nun war in diesem Text noch sehr wenig von diesen Verhältnissen jenseits des Kapitalismus die Rede, und die Frage, wie denn das alles in einem größeren Rahmen gehen soll, bleibt freilich unbeantwortet, und insbesondere wenn mensch flugblattverteilend auf der Straße steht, werden diese Antworten eingefordert. Derweil steht hingegen die Kritik im Vordergrund. Es mag schon stimmen, dass es die leichtere Übung darstellt Kritik zu üben, und Vorschläge in der Luft zu zerreisen, als Alternativvorschläge einzubringen. Der junge Marx hat uns den Satz mitgegeben, dass „die Konstruktion der Zukunft und das Fertigwerden für alle Zeiten nicht unsere Sache“ ist, sondern wir „die rücksichtslose Kritik alles Bestehenden“ zu vollbringen haben, und aus der „Kritik der alten Welt die neue finden wollen.“20 Im selben Brief verwendet Marx übrigens die schöne Metapher, dass die Luft in der er sich aufhielt, und er meinte damit, die in deutschen Landen, „leibeigen“ machen würde, und vieles der zeitgenössischen Kritik dürfte in einer solchen Luft geschrieben werden. Der fehlende Optimismus kommt nicht zuletzt aus dem kümmerlichen Verständnis dafür, dass wir einen gesamtgesellschaftlichen Bruch erleben, und nicht lediglich kleine Krisen oder Verschiebungen im ökonomischen, politischen, sozialen oder kulturellen Feld. Alles steht zur Disposition! Eine Politik, die sich die Tragödie des vermeintlich „gezähmten“ Kapitalismus zum Ziel macht, wird unweigerlich zur Farce. „Weder zur Furcht noch zur Hoffnung besteht Grund, sondern nur dazu, neue Waffen zu suchen.“21
Leo Kühberger
Kühberger, Leo: Zur Rechtfertigung des Optimismus, in: Robert Reithofer, Marusa Krese, Leo Kühberger: Gegenwelten. Rassismus, Kapitalismus und soziale Ausgrenzung, Graz 2007, S.509-517.
- Das Zitat ist der Titel eines Songs von REM, der auf ihrem 1987 veröffentlichten Album „Document“ zu finden ist. [zurück]
- Die bereinigte Lohnquote ist beispielsweise in Österreich zwischen 1981 und 2003 von 71% auf 58,5% gefallen. (Vgl. Guger, Alois; Marterbauer, Markus: Die langfristige Entwicklung der Einkommensverteilung in Österreich (http://www.armutskonferenz.at/einkommen_0304.pdf _ 20.12.2006) [zurück]
- Fukuyama, Francis: Das Ende der Geschichte: Wo stehen wir?, München 1992. [zurück]
- Demirovic, Alex: Zur Dialektik von Utopie und bestimmter Negation, in: Kritische Wissenschaften im Neoliberalismus, hg. von Christina Kaindl, Marburg 2005, S.147. [zurück]
- Vgl. Sartre, Jean Paul: Das Alibi. Interview mit Le Nouvel Observateur, in: Ders.: Plädoyer für die Intellektuellen. Interviews, Artikel, Reden 1950-1973, Reinbek bei Hamburg 1995, S.52-65. [zurück]
- Paz, Octavio: Der Pachuco und andere Extreme, in: Das Labyrinth der Einsamkeit, Frankfurt/Main 1998, S.36. [zurück]
- Vgl. Gonzalez, Horacio: Die Nacht des 19. Dezember, in: Colectivo Situaciones: Que se vayan todos! – Krise und Widerstand in Argentinien, Berlin 2003, S.52-59. [zurück]
- Marcus Rediker und Peter Linebaugh greifen in ihrer lesenswerten Arbeit über den revolutionären Atlantik dieses Bild wieder auf, und liefern damit vielleicht eine der besten Arbeiten darüber, wie unglaublich schwierig es war kapitalistische Formen der Vergesellschaftung durchzusetzen. Siehe: Rediker, Marcus; Linebaugh, Peter: The Many-Headed Hydra. Sailors, Slaves, Commoners and the Hidden History of the Revolutionary Atlantic, Boston 2000. (Die deutsche Übersetzung ist beim Verlag „Assoziation A“ in Vorbereitung.) [zurück]
- Foucault, Michel: Der Wille zum Wissen (=Sexualität und Wahrheit Bd.1), Frankfurt/Main 1983, S.116. [zurück]
- Krasman, Susanne: Gouvernementalität: Zur Kritik der Foucaultschen Analytik der Oberfläche, in: Geschichte schreiben mit Foucault, hg. von Jürgen Martschukat, Frankfurt 2002, S.87. [zurück]
- Deleuze, Gilles: Foucault, Frankfurt/Main 1987, S.125. [zurück]
- Marx, Karl; Engels, Friedrich: Manifest der Kommunistischen Partei, Berlin 1973, S.42. [zurück]
- Negri, Antonio; Hardt, Michael: Empire. Die neue Weltordnung, Frankfurt/Main 2002; S.278f. [zurück]
- Die Datenbank der „World Labor Group“ ist diesbezüglich eine seltene Ausnahme, und ihr Versuch die Arbeiterunruhen zu messen, kommt zu dem Ergebnis, dass wir keineswegs einen Rückgang an sozialen Kämpfen erleben, vor allem nicht im globalen Rahmen. Siehe: Silver, Beverly: Forces of Labor. Arbeiterbewegung und Globalisierung seit 1870, Berlin 2005. [zurück]
- Zit. nach: N.N.: Lordstown – Produktive Sabotage, in: TheKla 12, hg. von Wildcat, o.J., S.133. [zurück]
- Linebaugh, Peter; Ramirez, Bruno: Krise in der Automobilindustrie, in: Thekla 10 – Zerowork. Politische Materialien aus den USA , hg. von SISINA, Juli 1988, S.74. [zurück]
- Virno, Paolo: Do You Remember Counter-Revolution? Soziale Kämpfe und ihr Double, in: Negri, Toni; Lazzarato, Maurizio; Virno, Paolo: Umherschweifende Produzenten. Immaterielle Arbeit und Subversion; Berlin 1998, S.83. [zurück]
- Demirovic, Alex: Stroboskopischer Effekt und die Kontingenz der Geschichte. Gesellschaftstheoretische Rückfragen an die Regulationstheorie, in: Brand, Ulrich; Raza, Werner (Hg.): Fit für den Postfordismus? Theoretisch – politische Perspektiven des Regulationsansatzes, Münster 2003, S.52. [zurück]
- Statistik Austria: Bevölkerungsentwicklung im Jahre 2005 (http://www.statistik.at/fachbereich_03/bevoelkerung_txt.shtml). [zurück]
- Marx, Karl: Briefe aus den Deutsch-Französischen Jahrbüchern (=MEW Bd.1, S.344). [zurück]
- Deleuze, Gilles: Postskriptum über die Kontrollgesellschaften (http://www.nadir.org/nadir/archiv/netzkritik/postskriptum.html _ 20.9.2005). [zurück]



